home

publications

scholarly presentations

current research

current courses
special projects

personal gallery

contact information

edison initiative

university of wisconsin-milwaukee
Nigel Rothfels
Savages and Beasts

Reviews of Savages and Beasts: The Birth of the Modern Zoo. Baltimore: The Johns Hopkins UP, 2002.

Süddeutsche Zeitung
Druckausgabe

March 24, 2003


"Der ewige Friede zwischen Löwe und Gazelle"

DIEMUTH KLÄRNER

Der Mensch ist das einzige Tiere, das alle anderen fotografieren kann: Amerikanische Studien zur Geschichte der Zoologischen Gärten


Eskimos mit Kajaks und Schlittenhunden, Mongolen hoch zu Ross und indische Akrobaten, begleitet von prächtig herausgeputzten Elefanten - dass Carl Hagenbeck unbefangen exotische Menschen zur Schau stellte, störte kaum einen Zeitgenossen. Zu groß schien noch an der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert die Kluft zwischen einem zivilisierten Europäer und den Bewohnern fremder Erdteile. Was aber war das Besondere an einer Schau, wie Hagenbeck sie zeigte? Nigel Rothfels, Historiker an der University of Wisconsin-Milwaukee, sieht im Streben nach Authentizität das Erfolgsrezept des Hamburger Familienunternehmens. Nicht dass man auf spektakuläre Effekte verzichtet hätte. Vom traditionellen Jahrmarktstreiben unterschieden sich Hagenbecks Vorführungen jedoch dadurch, dass sie verblüffend realistisch wirkten. Die Zuschauer glaubten in ein fernes Land zu blicken oder gar zurück in eine ferne Zeit - die „Wilden" ließen sich als Menschen betrachten, die auf dem Niveau der Steinzeit geblieben waren.

Freilich konnte das nur so lange gut gehen, wie die Protagonisten mitspielten. Sobald sie begannen, sich den Sitten ihrer neuen Umgebung anzupassen, war die Illusion von Echtheit dahin. Mit Tieren konnte das nicht passieren. Und für ein Unternehmen, das im Tierhandel zum Branchenprimus aufgestiegen war, lag es nahe, auch in diese Art von Showgeschäft einzusteigen. Ob in mobilen Inszenierungen oder ab 1907 im eigenen Tierpark, Hagenbeck sorgte stets für ein naturalistisches Ambiente. Die Besucher konnten sich an einem arktischen Fjord wähnen, vor einem Steppenpanorama oder einfach in einer Fantasielandschaft, bevölkert von einer exotischen Fauna.

Denn es ging ja nicht wirklich um naturgetreue Rekonstruktion. Mochten sich die Fachleute empören, wenn Lamas aus Südamerika neben asiatischen Hirschen und Straußen aus Afrika einherspazierten - die Besucher ergötzten sich an der bunt zusammengewürfelten Vielfalt. Nirgends versperrten Gitterstäbe die Aussicht. Nur durch Gräben oder künstliche Felswände voneinander getrennt, konnten benachbarte Areale optisch zu einem einzigen verschmelzen. So ließ sich der Eindruck erwecken, dass Löwen friedlich mit Gazellen zusammenleben und Eisbären mit Seehunden - das entzückte Publikum sah sich in einem Tierparadies.

Kulissen müssen sein

Kein Wunder, dass Hagenbecks Beispiel Schule machte. Noch heute, so beklagt der Autor, prägt es das Erscheinungsbild Zoologischer Gärten. Gewiss, mittlerweile wäre es undenkbar, darin afrikanisches Dorfleben in Szene zu setzen - dafür gibt es nun vor Ort Veranstaltungen für Touristen. Auch sind die Zeiten vorbei, da ganze Nashornherden abgeschlachtet wurden, um junge Nashörner nach Europa schiffen zu können. Bei der Gestaltung der Zoos steht jedoch nach wie vor das Publikum im Vordergrund. Und dessen Wünsche haben sich nach Einschätzung des Autos seit Hagenbecks Zeiten kaum verändert: Gefragt sind sorgsam gestylte Kulissen, die den Besucher in eine exotische Welt eintauchen lassen.

Diese vermeintliche Authentizität, die auch einschlägige Fernsehfilme auszeichnet, ist Rothfels ein Dorn im Auge. Seiner Ansicht nach führt sie zu einer Entfremdung von der Natur, indem sie Erwartungen weckt, denen die Wirklichkeit nicht standhalten kann. Mag sein. Oder ist die Art, wie Natur präsentiert wird, eher ein Symptom der Entfremdung als deren Ursache? Wie dem auch sei, lohnend ist die Lektüre allemal.

Elizabeth Hanson von der Rockefeller University in New York gestaltet ihren historischen Rückblick nicht minder informativ und unterhaltsam, geht mit den Zoos aber nicht so hart ins Gericht. Ebenfalls aus einer Doktorarbeit hervorgegangen, konzentriert sich ihr Buch auf die USA. Anders als in Europa wurde die Gründung Zoologischer Gärten dort selten von wissenschaftlichen Vereinigungen vorangetrieben. Gewöhnlich ging die Initiative vom städtischen Mittelstand aus. Mit amüsanten Beispielen schildert die Autorin, wie zahlreiche Bürger das ihre beizutragen versuchten. Dass sie ihrem Zoo mancherlei Getier andienten - vom zahmen Papagei bis zur Klapperschlange - war mitunter durchaus erwünscht. Denn häufig fehlte es an Geld, um bei Hagenbeck oder anderen Tierhändlern großzügig ordern zu können. Dass der Zoodirektor höchstpersönlich auszog, um sich mit Raritäten einzudecken, blieb die Ausnahme. Keineswegs ungewöhnlich waren dagegen groß angelegte Spendenaktionen. Wenn ausgemusterte Zirkuselefanten zum Kauf angeboten wurden, hieß es zugreifen, denn bei den Zoobesuchern standen die imposanten Rüsseltiere ganz oben auf der Hitliste.

Als enge Käfige außer Mode kamen, experimentierten auch die amerikanischen Zoos mit Alternativen. Meist am Stadtrand oder in öffentlichen Parks gelegen, ließen sie sich ohne sonderliche Schwierigkeiten im hagenbeckschen Stil gestalten. Das europäische Vorbild einfach zu kopieren widersprach allerdings dem nationalen Selbstbewusstsein. Warum eine exotische Kulisse aufbauen wenn das eigene Land so viel imposante Natur zu bieten hat? Anhand sorgsam angefertiger Abgüsse wurden oft stattliche Felsformationen naturgetreu rekonstruiert - um dann afrikanischen Löwen oder asiatischen Affen als Tummelplatz zu dienen.

Lokale Naturwunder aus zweiter Hand wurden freilich obsolet, als die allgemeine Motorisierung das Original in Reichweite brachte. Um eine Renaissance erleben zu können, mussten die amerikanischen Zoos mit neuen Attraktionen aufwarten. Viele verwandelten sich in Erlebniswelten, die ihr Publikum zu den Tigern in den indischen Dschungel entführen und zu den Löwen in die afrikanische Savanne. Dass dieses Angebot ankommt, bezeugt die Zahl von mehr als 130 Millionen Besuchern im Jahre 2001. Dennoch sehen sich die Zoologischen Gärten keineswegs nur als tierisch vergnügliche Freizeitparks. Bildung und Wissenschaft zählen ebenso zu ihrem Programm wie Natur- und Artenschutz. Dass sie es nie allen recht machen können, scheint unvermeidlich. Doch vielleicht, so meint die Autorin, liegt gerade darin der besondere kulturhistorische Wert: Im Wandel der Zeiten spiegeln die Zoos unsere Einstellung zur Tierwelt in all ihrer Vielfalt, Komplexität und Widersprüchlichkeit.

 

NIGEL ROTHFELS: Savages and Beasts. The birth of the modern zoo. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2002. 268 Seiten, 26 Dollar.

ELIZABETH HANSON: Animal Attractions. Nature on Display in American Zoos. Princeton University Press, Princeton 2002. 243 Seiten, 19,95 Dollar.


Copyright © sueddeutsche.de GmbH/Süddeutsche Zeitung GmbH

Eine Verwertung der urheberrechtlich geschützten Beiträge, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung auch in elektronischer Form, ist ohne vorherige Zustimmung unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urhebergesetz nichts anderes ergibt.

Artikel der Süddeutschen Zeitung lizenziert durch DIZ München GmbH.

Last updated by ntr:
November 2, 2009